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Ausgangslage Die Achuar-Indígenas sind, wie unzählige andere ethnische Gruppierungen weltweit, gerade in den letzten Jahrzehnten verschiedensten internen wie auch externen Faktoren des Wandels ausgesetzt. Zu den gravierendsten Veränderungen in der Amazonasregion zählen unter anderem: - das Bevölkerungswachstum innerhalb der indigenen Gruppierungen (unter anderem aufgrund von verbesserter medizinischer Versorgung, Rückgang der kriegerischen Auseinandersetzungen)
- die Dezimierung des jagdbaren Wildes als Versorgungsgrundlage
- die Bedrohung der Bio- und Kulturdiversität der Region durch das Eindringen von Ölfirmen, Holzgesellschaften und Biopiraterie
Hieraus ergibt sich die Gefahr der Abwanderung der Jugend in die Peripherie urbaner Siedlungen aufgrund fehlender Zukunftsaussichten innerhalb des Waldes und drohende Marginalisierung. Aus diesen Faktoren leitet sich ein dringender Handlungsbedarf ab – in erster Linie der Aufbau einer lokalen Ökonomie in den indigenen Gemeinden.
Zielsetzung des Projekts Aufgrund der genannten Problemfelder besteht die Notwendigkeit, alternative Einkommensquellen im Wald zu schaffen, d.h. eine lokale Ökonomie aufzubauen, welche der indigenen Bevölkerung eine selbst bestimmte Lebensstruktur und eine Zukunft in ihrem traditionellen Lebensraum ermöglicht. Die Zielsetzung des Projekts ist die finanzielle Unabhängigkeit der Gemeinde, um in Zukunft auch ohne die Unterstützung von Hilfsorganisationen wie AMAZONICA für z.B. Schulgelder, Werkzeuge, Medikamente, Versorgungsflüge und Instandhaltungskosten der technischen Anlagen aufkommen zu können. Außerdem wird der Aufbau von Aus- und Weiterbildungsmöglichen angestrebt. Ein weiteres wichtiges Ziel des Projekts ist es, den Stolz der Indígenas auf ihre eigene kulturelle Identität zu stärken und so zum Erhalt dieser einzigartigen Kultur beizutragen. Struktur
Der gemeinnützige Verein Indio- Hilfe e.V. wurde 1982 von Mascha Kauka und Ulrich Pohl gegründet und ist seitdem in Entwicklungshilfeprojekten in unterschiedlichen Regionen und bei verschiedenen indigenen Gruppierungen Ecuadors tätig. Unter dem eingetragenen Markennamen AMAZONICA vereinen sich seit 2001 alle Aktivitäten von Indio- Hilfe e.V. in der Amazonasregion Ecuadors und Perus in Zusammenarbeit mit den Völkern der Shuar, Achuar, Tiefland-Quichua und Záparo. Seit Juni 2002 steht die AMAZONICA-Initiative unter der Schirmherrschaft der UNESCO. Die Stiftung wurde 2007 als Dachorganisation über das Gesamtprogramm gegründet. Das Siedlungsgebiet der Achuar liegt im Nordwesten des Amazonasbeckens, in den Provinzen Alto Amazonas und Loreto des peruanischen Departements Loreto sowie in den ecuadorianischen Provinzen Pastaza und Morona Santiago. Das von ihnen bewohnte Territorium beiderseits der peruanisch-ecuadorianischen Grenze beträgt etwa 55.000 qkm, bis heute hauptsächlich Primärwald, bei einer Gesamtbevölkerungszahl von ca. 13.000 Personen. Das Dorf Sharamentsa (Koordinaten: 2°27’50’’ Süd/76°59’40’’ West), Provinz Pastaza, liegt am Ufer des Río Pastaza, ca. 30 km von der peruanischen Grenze entfernt und wird aktuell von zwölf Familien mit insgesamt 92 Personen bewohnt. Sharamentsa war von Oktober 2002 bis September 2007 eine der drei Mustergemeinden des Pilotprojekts von AMAZONICA, dessen Zielsetzung darin bestand, durch zukunftsweisende Gemeindeentwicklung der Indianer-Jugend eine Zukunft im Wald zu ermöglichen und den Umweltschutz zu fördern. Maßnahmen hierfür waren unter anderem die Einführung erneuerbarer Energien zur dezentralen Versorgung, die Ausbildung in verschiedensten Bereichen (von Alphabetisierung bis hin zur Gründung von Kleinbetrieben) und der Aufbau einer medizinischen Versorgung mit Schwerpunkt auf Malariabekämpfung. 2008 begann mit dem Aufbau der AMAZONICA- Akademie die zweite Phase des Projekts. Sharamentsa wurde hierfür als Standort ausgewählt und startete im Mai 2008 den ersten Kurs für indigene Führungskräfte, in Kooperation mit Lehrkräften der Universität Cuenca. Durch den Aufbau von Wissenschaftstourismus in Kooperation mit der Hochschule München, deren Partneruniversitäten und der Universität Cuenca wird der Bevölkerung von Sharamentsa und der umliegenden li. José Peas, Vicebürgermeister von Sharamentsa, traditionell gekleidet und geschmückt re. Domingo Peas, Projektleiter AMAZONICA Heike Schilling 84 Tourismus Management Passport Ausgabe 02|2009 International Gemeinden eine Einkommensquelle innerhalb ihres traditionellen Lebensraumes und im Einklang mit der Natur geboten. Diese Form des Tourismus ermöglicht den Achuar, den Gästen der Akademie bei ihren Forschungsvorhaben als Partner zur Seite zu stehen. Dies steht im Gegensatz zum „klassischen Tourismus“, welcher in einem derartigen Umfeld Gefahr läuft, voyeuristische Züge anzunehmen und die Indígenas zu exotischen Entertainern für den abenteuerlustigen Touristen zu degradieren. In diesem Zusammenhang wurde das Konzept Wissenschaftstourismus für Hochschulen weltweit entwickelt, um Workshops, Seminare und Fallstudien vor Ort anzubieten und für Diplomanden, Doktoranden und andere an der Forschung interessierte Personengruppen, die im Umfeld eines intakten Primärwaldes recherchieren und arbeiten wollen. Im Gegensatz zu den klassischen Touristen kommen die Wissenschaftler nicht mit einer bestimmten Erwartungshaltung, sondern mit einer wissenschaftlichen Aufgabe. Der Aufbau einer Forschungsstation, inklusive Bibliothek, erleichtert der Bevölkerung den Zugang zu Büchern, Forschungsmaterialien und künftig auch den Zugang ins Internet. Dies eröffnet neue Bildungsteilhabe durch den aktiven Austausch zwischen Forschern und Gastgebern. Der interkulturelle Austausch findet also auf gleicher Ebene statt und bestärkt die indigene Bevölkerung in ihrem Stolz auf ihre kulturelle Identität. Voraussetzung für die Arbeit mit Wissenschaftlern und deren Institutionen sind vertragliche Vereinbarungen darüber, alle Arbeiten im Rahmen dieses Projekts der Bibliothek und damit der Gemeinde zur Verfügung zu stellen und etwaige Einnahmen aus den Forschungsresultaten mit den an der AMAZONICA Akademie beteiligten indigenen Gemeinden zu teilen. Der Schutz des geistigen und materiellen Eigentums der Indígenas soll dadurch bestmöglich gewährleistet werden. Projektbeteiligte sind die Gemeinde Sharamentsa (Bereitstellung von Flächen und Baumaterialien; Serviceleistung), die Stiftung AMAZONICA (Bereitstellung der Infrastruktur und der Logistik), die Hochschule München (zuständig für den Vertrieb des Wissenschafts-Campus und Ansprechpartner für Universitäten weltweit) und die Universität Cuenca (zuständig für die Basisausbildung der Achuar im Bereich Hospitality). Die Diplomarbeit von Heike Schilling, Studiengang Tourismusmanagement an der Hochschule München, bildet die theoretische Grundlage für die Entwicklung von gemeindebasiertem Wissenschaftstourismus in Sharamentsa. Aufgrund ihres vorherigen Studiums der Ethnologie berücksichtigt sie unter anderem kulturelle Aspekte und wägt Chancen und Risiken für die Achuar ab. Verschiedene interne und externe Faktoren des Wandels gefährden die Zukunft der Achuar in ihrem traditionellen Lebensraum, dem ecuadorianischen Primärregenwald. Um dieser einzigartigen Kultur auch in den kommenden Jahrzehnten eine selbstbestimmte Lebensstruktur zu ermöglichen, ist die Schaffung von Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, der Aufbau einer lokalen Ökonomie und damit der finanziellen Unabhängigkeit und die Förderung ihrer eigenen kulturellen Identität notwendig. Wissenschaftstourismus bietet eine realistische Lösung, diese drei Komponenten nachhaltig zu vereinen und einen Beitrag zum Erhalt dieser Kultur zu leisten. Diese Form des Tourismus fungiert als Einkommensquelle für ein Netz von Gemeinden im Einklang mit der Natur, bietet eine neue Art der Bildungsteilhabe für die lokale Bevölkerung durch den Zugang zu Büchern, Forschungsmaterialien und Internet und ermöglicht einen interkultureller Austausch auf gleicher Ebene, indem die Achuar den Gästen der Akademie bei ihren Forschungsvorhaben als Partner zur Seite stehen. Das Konzept Wissenschaftstourismus wurde als Angebot für Hochschulen weltweit entwickelt, um Workshops, Seminare und Fallstudien vor Ort anzubieten und für Diplomanden, Doktoranden und andere an der Forschung interessierte Personengruppen, die im Umfeld eines intakten Primärregenwaldes recherchieren und arbeiten wollen. Im Gegensatz zum „klassischen Touristen“ kommen diese Besucher nicht mit einer bestimmten Erwartungshaltung in die Gemeinde, sondern mit einer konkreten wissenschaftlichen Aufgabe. Die Achuar treten hierbei als gleichberechtigte Partner gegenüber den Wissenschaftlern auf. Die Option der Teilhabe an ihrem traditionellen Wissen dient nicht ihrer Ausbeutung, sondern durch klar vereinbarte vertragliche Regeln dem Schutz ihres materiellen und geistigen Eigentums.
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